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Die genetische Vielfalt von Kulturpflanzen und Nutztieren ist ein wichtiger Bestandteil der Biodiversität, die unsere Agrarökosysteme ausmacht. Die Erhaltung und nachhaltige Nutzung unserer genetischen Ressourcen ist umso bedeutender, wenn man das Potenzial zur Entwicklung neuer Nutztierrassen oder Kulturpflanzen, die für die Herausforderungen von morgen besser gewappnet sind, bewahren möchte.

Aktionsplan zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (NAP-PGREL)

Um dem Verlust der Vielfalt an Nutzpflanzensorten entgegenzuwirken, wurde 1997 der Nationale Aktionsplan zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (NAP-PGREL) ins Leben gerufen. Dank diesem von der öffentlichen Hand und privaten Organisationen finanzierten Plan werden alte Schweizer Nutzpflanzensorten gesucht, beschrieben und erhalten. Die Phase IV des NAP-PGREL lief von 2011 bis 2014. In dieser Phase wurde bei den meisten Kulturen die aktive Sortensuche abgeschlossen. Über 5300 der gefundenen Sorten wurden bisher als erhaltenswert eingestuft, da sie in der Schweiz entstanden sind oder einen Bezug zur Schweiz haben. Drei Viertel davon sind an mehreren Standorten langfristig abgesichert (vgl. «Erhaltung der genetischen Ressourcen» Agrarbericht 2015). Mit der derzeit laufenden Phase (Phase V, 2015 – 2018) wird das Handlungsfeld des PAN-RPGAA neben Tätigkeiten zur Identifizierung, Beschreibung und Erhaltung der Vielfalt von Kulturpflanzen weiter ausgedehnt, um Projekte zu unterstützen, die zu einer vielseitigen, innovativen oder nachhaltigen Produktion auf der Grundlage von Sorten, die den lokalen Gegebenheiten angepasst sind, beitragen (Link zur Verordnung über die Erhaltung und die nachhaltige Nutzung von pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft). In diesem Rahmen unterstützt das BLW rund dreissig Projekte. Diese Projekte umfassen innovative Ansätze – beispielsweise um die Vielfalt von Farben, Formen und Geschmack von Obst oder Gemüse zu fördern – mit dem Ziel, neue und für die Landwirtschaft profitable Nischenmärkte zu erschliessen. Andere Projekte befassen sich mit der Entwicklung von Sorten, die gegenüber gewissen Krankheiten resistent und den lokalen und klimatischen Gegebenheiten besser angepasst sind. Und manche Projekte haben sich auf die Fahne geschrieben, mittels innovativer Lösungen den Konsum und die Nutzung phytogenetischer Ressourcen einander näher zu bringen (Übersicht über die Projekte zur nachhaltigen Nutzung).

2 Beispiele innovativer Projekte zur nachhaltigen Nutzung phytogenetischer Ressourcen:

«Nutzung genetischer Ressourcen zur Entwicklung anthraknosetoleranter Weisser Lupine»

Der Anbau des wertvollen heimischen Eiweissträgers Weisse Lupine ist durch die Krankheit Anthraknose stark beeinträchtigt. Ein breites Sortiment genetischer Ressourcen wird in praxisnahen Screens und Feldversuchen vom FiBL in Zusammenarbeit mit einem Betrieb getestet, um Anthraknosetoleranzen zu identifizieren und diese in modernes Zuchtmaterial einzukreuzen. Dabei werden moderne diagnostische molekulare, mikrobiologische und biochemische Verfahren entwickelt und angewandt. Die Kreuzungsnachkommen und weiteres Zuchtmaterial von Kooperationspartnern werden anschliessend in Rein- und Mischkulturanbau auf ihre Anbaufähigkeit getestet. Die aussichtsreichsten Zuchtstämme werden zusammen mit der Getreidezüchtung und unter Einbeziehung der gesamten Wertschöpfungskette selektiert und in der zweiten Phase bis zur Marktreife weitergezüchtet.

«Meinobstgarten.ch»: eine digitale Lösung zur Förderung der nachhaltigen Nutzung seltener phytogenetischer Ressourcen

Die Online-Plattform meinobstgarten.ch verbindet Besitzer von Hochstammfeldobstbäumen und Konsumenten von seltenen Obstsorten. Baumbesitzer, die ihre Früchte nicht alle selbst ernten oder essen möchten, können ihre Hochstammbäume auf der Plattform anmelden und beschreiben (geografische Lage, Sorte, Erntezeitpunkt, Nutzung, Fotos usw.). Ausserdem definieren sie die Art des Angebots (selbst ernten, geerntete Früchte, Obstprodukte, Baummiete), den Preis und die Leistung. Die Konsumenten können anschliessend personalisierte Abfragen machen (nach Sorte, Erntezeitpunkt, Region, Angebotsart usw.). Wenn entsprechende Angebote vorhanden sind, werden die potenziellen Konsumenten per E-Mail oder SMS informiert. Ziel der Plattform ist die Vermarktung zur rechten Zeit von reifem und vollmundigem Obst aus Hochstammfeldobstanlagen. Der Grundgedanke ist, die Selbsternte von seltenen Obstorten zu ermöglichen. So wird die Erhaltung dieser seltenen Sorten durch die Förderung ihrer Nutzung gestärkt (Video «Mein Obstgarten»).

Nationaler Aktionsplan für tiergenetische Ressourcen

Die seit 1999 in Kraft stehende Tierzuchtverordnung erlaubt es, neben den allgemeinen Tierzuchtmassnahmen bedrohte oder gefährdete Schweizer Rassen mit zusätzlichen Erhaltungsmassnahmen zu unterstützen. Bestände gefährdeter Rassen konnten durch diese Programme stabilisiert bzw. erhöht und deren genetische Basis verbessert werden. Im 2016 hat das BLW 11 Erhaltungsprojekte für Schweizer Rinder-, Pferde-, Ziegen-, Hühner- und Bienenrassen von anerkannten Zuchtorganisationen unterstützt und begleitet. Nachfolgend wird ein Projekt vorgestellt, welches erfolgreich abgeschlossen wurde und nachhaltig dazu beiträgt, Schweizer Schweinerassen zu erhalten.

Projektbeispiel «Aufbau eines Lagers von tiefgefrorenem Schweinesperma»

Edelschwein Mutterlinie (ES) und Edelschwein Vaterlinie (ESV) sind heute die einzigen in der Schweiz eigenständig gezüchteten Schweinerassen. Beide Populationen sind von ihrer Grösse her an der unteren Grenze. Eine Sicherung des Genpools via Kryokonservierung von Samen hat bisher gefehlt. Ziel war es, die Infrastruktur und das Know-how für das Tiefgefrieren von Schweinesamen im Dienstleistungszentrum für die Schweineproduktion (SUISAG) aufzubauen und ein Samenlager von je 50 ES- und 50 ESV-Ebern anzulegen. Im Jahr 2012 wurde in der Station für künstliche Besamung Knutwil die Infrastruktur aufgebaut. Im Jahr 2013 wurden monatlich ca. 7 Ejakulate eingefroren. Testbesamungen haben gezeigt, dass mit dem eingefrorenen Samen gute Ferkelzahlen erreicht werden. Im Jahr 2014 wurde nur noch quartalsweise Samen eingefroren, weil damit die geplanten je 50 Eber bzw. Ejakulate mit guter Samenqualität nach dem Auftauen erreicht werden konnten. Aktuell wird ein Aussenlager für das gefrorene Sperma aufgebaut. Damit wird das Sperma von den meisten Ebern künftig an 2 getrennten Orten gelagert. Bei einem allfälligen Verlust des einen Lagers durch eine Seuche, Brandfall oder ähnliches wäre dann noch nutzbares Sperma im anderen Lager verfügbar.    

Corinne Boss und Fabian Zwahlen, BLW, Fachbereich Tierische Produkte und Tierzucht
Jérôme Frei, BLW, Fachbereich Genetische Ressourcen und Technologien, jerome.frei@blw.admin.ch

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